(Erste) Hilfe für Fledermäuse

Viele Menschen haben heutzutage noch nie in natura eine lebende Fledermaus gesehen, und wenn doch, dann vielleicht auf der Terrasse eines Restaurants in irgendeinem südlichen Urlaubsort. Daraus wir oft der Schluß gezogen, bei uns gebe es diese Tiere nicht mehr. Um so größer ist das Erstaunen, wenn man sich eines Tages doch z. B. mit einer Zwergfledermaus konfrontiert sieht. Dafür gibt es einige Möglichkeiten:

Gestrandete Zwergfledermaus 1   Gestrandete Zwergfledermaus 2
Gestrandete Zwergfledermaus, abends schutzlos auf einer Garagenzufahrt entdeckt   Die Fledermaus wendet sich dem Fotografen zu (Graal-Müritz / Ostsee, 27.07.2004, 21:20 Uhr)

Im ersten Fall sind die Gardinen und der (Teppich-) Boden darunter in Gefahr, in den anderen drei Fällen sind es die Fledertiere. Trockener, krümeliger Kot kann ein Hinweis auf Fledermäuse sein. Im Kot lassen sich oft glänzende Chitinteile von Insektenpanzern erkennen. Der äußerlich ähnliche Mäusekot ist dagegen sehr gleichförmig, aus Pflanzenfasern aufgebaut, hart und glänzt nicht. Man sollte wie folgt vorgehen:

1. "Ausquartieren"

Sollte ein Fledermausschwarm in der warmen Jahreszeit ein Zimmer als Raststätte gewält haben, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder das Zimmer steht leer und man benötigt es nicht, dann kann man die Tiere für die kurze Zeit ihres Aufenthalts gewähren lassen und nur ein paar Vorkehrungen gegen die unausweichliche Verschmutzung treffen, indem man z. B. Zeitungen auf dem Boden auslegt. Oder die Tiere stören wirklich: Dann sollte man sie freundlich "hinauskomplementieren": Man öffnet das Fenster weit und scheucht sie z. B. mit einem Handtuch, einer Mütze hinaus. Dies wird vielleicht nicht auf Anhieb gelingen, da Fledermäuse auf der Flucht nach oben fliegen und die Fensteröffnung nicht unbedingt sofort finden; man sollte daher nicht die Geduld verlieren und auf keinen Fall versuchen, die Tiere mit der Mütze oder einem anderen Gegenstand zu treffen. Fledertiere, die gleich nicht auffliegen, kann man vorsichtig mit einem Handschuh vom Vorhang abpflücken und draußen fliegen lassen.

2. "Haus-Fledertiere"

Wer schlafende Fledertiere auf dem Dachstuhl oder im Keller entdeckt, sollte stolz sein, diesen seltenen und geschützten Tieren ein Zuhause zu bieten. Das Miteinander von Mensch und Tier kann aber durchaus problematisch sein, wenn der Raum genutzt wird: Jede Störung der Tiere kann im Winter zu einem höheren Energieumsatz und damit Hungertod führen, und wenn die Tiere gar zur Flucht gezwungen werden, droht ihnen draußen der Kältetod. In der kalten Jahreszeit sollte man also zunächst auf jede weitere Störung verzichten und vor allem einen Ausbau des Dachstuhls oder Kellers verschieben. In der warmen Jahreszeit bietet sich dann der Einbau einer von außen zugänglichen Fledermauskammer Zu Hause: Fledermauskammer an, in der die Tiere von der Wärme und Trockenheit des Hauses profitieren, ohne die menschliche Nutzung des Dachstuhls oder Kellers zu beeinträchtigen.

3. Bergen der Fledermaus

Wenn eine Fledermaus am Boden liegt und noch lebt, ist Eile geboten: Sie könnte in den nächsten Stunden sterben. Zunächst muß sie geborgen werden, damit sie nicht totgetreten wird oder z. B. von Katzen, Hunden, Vögeln oder Ameisen weiter verletzt oder gleich getötet wird. Beim Aufheben muß Vorsicht walten: Da das Tier nicht weiß, daß ihm geholfen werden soll, kann es, wenn es ausgewachsen und noch reaktionsfähig ist, panisch um sich beißen und mit seinen kleinen spitzen Zähnen die Hand des Helfers verletzen; deshalb sollte man nicht zu grobe Handschuhe anziehen, in denen die Finger das keine Tier noch fühlen, also nicht verletzen können, oder die Fledermaus mit einem weichen Tuch aufheben. Ein Schaufel oder ähnliches Werkzeug sollte man aus Angst vor den Zähnen auf keinen Fall einsetzen, da man das Fledertier damit leicht verletzen könnte; ein weicher Handbesen oder dünne, biegsame Zweige, um das verletzte Tier vorsichtig in einen Karton zu befördern, sind aber akzeptabel, wenn die Angst vor der unbekannten Kreatur allzu groß ist.
    Ein Fledertier sollte man im Prinzip so halten wie einen Vogel: Umfassen Sie es vollständig, so daß es seine Flügel nicht öffnen und damit um sich schlagen kann; im Falle eines offensichtlich gebrochenen Flügels ist natürlich besondere Sorgfalt geboten, damit dieser nicht in einer unnatürlichen Position an seinen Körper gedrückt wird und weitere Schmerzen verursacht. Der Kopf schaut oben zwischen Daumen und Zeigefinder heraus – man braucht das Tier keineswegs mit dem Kopf nach unten tragen.
    Wenn das Tier während der Bergung einen unerwartet munteren Eindruck macht und keinerlei Verletzungen aufweist, kann man es an sicherer (erhöhter) Stelle ablegen und einige Zeit beobachten — vielleicht hatte es nur Probleme, vom Boden aus zu starten, und entscheidet sich jetzt zum Weiterfliegen. Falls das Tier aber apathisch oder gar verletzt ist, muß es jetzt schnell in einen sicheren (Transport-) Behälter überführt werden.Transport und Unterbringung

4. Transport und Unterbringung

Falls es nur um den sicheren Transport zu einem Tierarzt oder einer Wildtierstation geht und man das kleine Säugetier nicht längere Zeit in der Hand halten will oder kann, sollte man es für den Transport sicher unterbringen:

Ein Fledermaus-Experte oder kundiger Tierarzt steht nicht unbedingt noch am selben Tag zur Verfügung – besonders nicht am Wochenende. Für einen über wenige Stunden hinausgehenden Aufenthalt in menschlicher Obhut sollte man einen größeren und dicht schließenden Karton, eine Kiste oder ein Mini-Terrarium aus Kunststoff vorsehen, wie man es billig im Zoofachhandel erwerden kann. Ein Papiertaschentuch oder ein Stück Küchenrolle nimmt Ausscheidungen auf, ein mit Wasser gefüllter Schraubdeckelverschluß deckt den Flüssigkeitsbedarf: Eine Fledermaus, die womöglich längere Zeit irgendwo verletzt gelegen hat, ist vermutlich ausgetrocknet und könnte verdursten. Eine Wärmung ist für erwachsene Tiere nicht erforderlich – ganz im Gegenteil: Je niedriger die Temperatur, desto weniger Energie verbraucht das Fundtier, desto besser übersteht es den Transport. Vor allem in der kalten Jahreszeit ist eine Aufwärmung ausgesprochen schädlich, da sie den Verzehr der Fett-Reserven beschleunigt, die im Winterschlaf die Energie zum Überleben stellen.

Bis zum Abend sollte das Fledertier immer wieder beobachtet werden. Sollte es nur Zeit gebraucht haben, sich z. B. von einem Aufprall zu erholen, so wird es zunehmend aktiver und versucht bald, seine Reise fortzusetzen. In diesem Fall sollte man den Behälter geöffnet halten und dem Reisenden mit einer geeigneten Aussteighilfe (Brettchen, Ästchen etc.) behilflich sein.
    Dieses Vorgehen empfiehlt sich allerdings nicht im Winter bei Temperaturen um oder unter 0° Celsius, da Fledermäuse dann kaum mehr in der Lage sind, sich einen der seltenen Schlaf- oder Überwinterungsplätze zu suchen. Man sollte im Gegenteil das Tier auf einer Briefwaage wiegen und durch Kontaktierung eines Experten herauszufinden versuchen, ob das Tier das nötige Wintergewicht hat – bekannt ist das Problem von jungen Igeln. Dazu ist es hilfreich zu wissen, um welche Fledertierart es sich handelt. Ist ein Fledertier zu leicht oder gar verletzt, ist ein längerer Aufenthalt unausweichlich.Zeitweilige Haltung

5. Zeitweilige Haltung

Fledertiere sind gesetzlich geschützt. Das bedeutet, daß man sie wie Igel und andere geschützte Wildtiere grundsätzlich nicht fangen und behalten darf. Befindet sich ein solches Tier allerdings in einer objektiven Notlage, darf man ihm durchaus helfen – aber nur so lange, wie diese Hilfe wirklich notwendig ist: Die heimischen Fledertierarten sind für unsere Natur zu wertvoll, als daß sich jeder Hobby-Zoologe an ihrer Haltung versuchen dürfte! Es gibt drei Gründe, warum eine Fledermaus nach einer zeitweiligen Aufnahme und Pflege nicht sofort oder nicht mehr freigelassen werden kann:

  1. Das Wetter ist so ungünstig, daß das Fledertier noch einige Tage in menschlicher Obhut bleiben muß: Nässe- und Kälteperioden überstehen Fledertiere in einem geeigneten Unterschlupf, der aber erst einmal gefunden werden muß.
  2. In der kalten Jahreszeit finden Fledermäuse keine Nahrung; sie halten daher entweder einen Winterschlaf, oder sie ziehen nach Süden.
  3. Das Fledertier ist aufgrund einer irreparablen Verletzung eines Flügels dauerhalft flugunfähig und damit einer Dauerpflegefall.

Wenn die Hilfe einen längeren Aufenthalt in menschlicher Obhut notwendig macht, kann die zuständige Naturschutzbehörde bestimmen, daß das Tier in andere, sachkundigere Hände kommen soll. Falls es bis zur Genesung bei einem sachkundigen Finder bleiben darf, muß es dort artgerecht untergebracht und eventuell ernährt werden. Das ist nicht einfach – es gibt zwei Typen der Unterbringung:

  1. Winterschlaf: Wurde das Fledertier im Winter gefunden und hat es ausreichend große Reserven, kann es in einem künstlichen Winterquartier sicher über die kalte Jahreszeit gebracht werden. Man benötigt dafür allerdings einen garantiert frost- und zugluftfreien Raum, dessen Temperatur relativ konstant zwischen 3° und 6° Celsius liegt, der eine möglichst hohe Luftfeuchtigkeit aufweist und keinem Lärm ausgesetzt ist. Diese Voraussetzungen erfüllen vor allem alte Bunker und Kellergewölbe unter der Erde, eventuell auch kühle Dachstühle oder Anbauten, die durch die Wärme des Hauses keinen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt ausgestzt sind. Die wenigsten Hauseigentümer können solche Bedingungen bieten. Soll den Tieren nicht der ganze Raum zur Verfügung gestellt werden, kann man sie auch gut in einer großen (!) Kiste unterbringen, sofern diese den Insassen ermöglicht, sich – je nach Art – an der rauhen Innendecke mit ihren Krallen aufzuhängen oder zwischen senkrecht angeschraubten sägerauhen Brettern oder Borkenstücken zu verkriechen.
        Fledertiere, die während ihres Winterschlafs unversehrt in menschliche Hand gelangten, beruhigen sich meist schnell wieder und setzen ihre Winterruhe fort. Ob sie vorübergehend aufwachen und wann ihre Winterruhe vorbei ist, läßt sich nicht vorhersagen, deshalb muß ständig Wasser in einer flachen Schale zur Verfügung stehen, und falls die Tiere ihr Quartier nicht von selbst verlassen können, ist im Frühjahr tägliche Kontrolle unerläßlich.
  2. Krankenpflege: Ist eine Fledermaus für die Winterruhe zu leicht oder ist sie verletzt und noch nicht genesen, muß sie im aktiven Zustand überwintert werden, also in einer beheizten Voliere gehalten werden. Geeignet sind z. B. folgende Behältnisse:
Junge Zwergfledermaus kurz vor dem Abflug

Ein doppeltes Problem ist die Fütterung: Das richtige Futter muß in ausreichender Menge vorhanden sein, und die Tiere müssen die ersten Tage von Hand gefüttert werden, da die meisten Arten von Natur aus nur die Flugjagd kennen. Weitere Hinweise zur Ernährung folgen unter"Fütterung" Fütterung.
    Nicht auszuschließen ist übrigens, daß ein Weibchen während einer warmen Überwinterung ein Junges gebirt. Dann ist natürlich besonders Sorgfalt bei der Pflege und Ernährung geboten.

6. Auswilderung

Wenn aus Sicht des Tier- und Artenschutzes kein Grund mehr vorliegt, die Gefangenschaft einer Fledermaus zu verlängern, muß sie in die Freiheit entlassen werden. Optimal vorbereitet ist ein Tier, das einige Tage zuvor schon in einem geschlossenen Raum "Flugstunden nehmen" konnte – dann kann man sich auch von seiner Flugfähigkeit überzeugen. Der beste Ort für die Auswilderung ist grundsätzlich der Fundort, weil die Fledermaus ihn ja schon kennt; falls dieser jedoch – etwa wegen seiner Nähe zu einer Straße – nicht in Frage kommt, wählt man eine andere Stelle, an der das zunächst orientierungslose Tier sich vermutlich zurechtfinden wird: einen Waldrand, Friedhof, Park etc. Die Freilassung selbst ist unspektakulär: Man setzt das Tier abends in einen geeigneten und für Menschen unerreichbaren Fledermauskasten, wie ihn der Handel anbietet (Adressen Adressen), und läßt es selbst seinen Weg in die Freiheit finden; oder man läßt es von erhöhter Stelle (nicht vom Boden) aus in die Dunkelheit fliegen.
    Für von Menschenhand aufgezogene Jungtiere ohne Jagderfahrung gelten andere Regeln Aufzucht.

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